Quellen

Sagenhaftes Hinterland

 

 Comenius-Verlag : Sagenhaftes Hinterland / Band N° II 

Sagen und Legenden aus dem Amt Willisau

 

Gesammelt und bearbeitet von Josef Bucher

 

Sich den Sagensammlungen befleissen, heisst in unseren Tagen, kulturhistorische Urkunden vor dem unaufhaltbaren Zerstörungsprozess, der die uralten Überlieferungen unseres Volkes und seines halbmythischen  Bewusstseins ergriffen hat, in Sicherheit zu bringen.

                                                                                              Alois Lütolf,  1861

 

 

Die Sagen sind Berichte über die Unternehmungen der menschlichen Seele, den uralten Rätselschleier zu durchstossen. Sie zeigen, wie der Bedrängte sich Vorgänge und Erscheinungen deutet, die dem natürlichen Ablauf der Dinge widersprechen. Sie zeigen, wie der Mensch das Unerklärliche erklären, das Übersinnliche sinnenfällig machen, das ewig Ferne, Letzte und Wesentliche erreichen will.

                                                                                              Kuno Müller, 1950

 

 

Wahr ist in der Volkserzählung nicht die historische Belegbarkeit, sondern das, was dem Volk ans Lebendige geht. Dass die „Volksseele“ an ihrer empfindlichsten Stelle angerührt wird, zeigt sich bei Erzählungen, bei denen der „gescheite Mensch“ den Kopf schüttelt ob so viel unvoreingenommener Volksgläubigkeit. Wenn man die Dinge, die das Volk bewegt, ganzheitlich betrachtet, sind vielleicht die unmöglichsten Erzählungen die schönsten.

 

                                                                                              Josef Zihlmann, 1989

 

 

Weshalb vom Enziloch Gefahren drohen ?

Seite 32

 

 

In längst vergangener Zeit gehörte ein grosser Teil des Enziwaldes zum Graushof. Durch List und Betrug verlor der Graushofbauer seine Waldungen. Es ist sogar die Rede von Urkundenfälschungen. Mit Hilfe falscher Papiere sollen Willisauer in den Besitz des Waldes gekommen sein. Schuldiger soll in erster Linie ein Willisauer gewesen sein, denn ihm wird ein undurchschaubares Spiel nachgesagt. Aber diesem Mann war nach dem Tode keine Grabesruhe vergönnt. Er irrte in den Gassen und Strassen des Städtchens herum, klopfte an Türen, sprach verschiedenen Orts vor, machte Lärm, dass er im Städtchen mehr und mehr unangenehm, wenn nicht gar lästig auffiel. Endlich gelang es einem Mönch, seines Geistes habhaftig zu werden. Er konnte in einen Korb gesperrt werden. Mutige Männer brachten diesen Korb ins Enziloch. Aber seither tobt er dort hinten und beunruhigt von hier aus die Talschaft. 

 

 

 

Die zwölf im Enziloch

Seite 33

 

 

Ortskundige wissen zu berichten, dass um Mitternacht häufig ( … ) zwölf grosse grüne Männer auf zwölf bereitstehenden Stühlen sitzen. Was machen sie da ? Sie trinken aus rübengrossen Bechern geschmolzenen giftgrünen Schwefel und flüssiges kohlenschwarzes Pech. Sind die Becher leer, stehen sie stillschweigend auf und verschwinden wieder in einer Höhle.

 

 

 

 

Unheimliche Talherren im Enziloch 

Seite 33 / 34

 

Dass dem Enziloch im Hinteerland der Ruf des Unheimlichen anhaftet, kommt nicht von ungefähr. So wird allerlei über die wilden Geister erzählt, welche den Talkessel beherrschen. Im Volksmund werden diese Geister als Talherren bezeichnet. Man weiss, dass es hier häufig in der Nacht bei Sturmwind wild zu- und hergeht. Wenn der Wind Bäume umlegt, wenn Äste mit Gepolter in die Schlucht fallen, wenn braunrot das Wasser der Enziwigger (?) schäumend über Felsen und Steine springt, sagen die Hergiswiler zueinander :

„sie bringen wieder einen neuen Talherren“ her. Damit meinen sie die Geister, welche hier hausen und zur Strafe dauernd Eichenstämme und Tannen auf die Fluh tragen. Bevor sie aber ganz oben sind, stürzen sie polternd in die Tiefe. Und dieses Spiel nimmt kein Ende.

 

 

 

 

 

 

Zwingherr gegen Bauern

Seite 37 / 38  ( Lütolf; 430 – 432 // Keckeis; 141)

Beinahe in jedem Schulbuch steht im Zusammenhang mit der Gründung der Eidgenossenschaft die Geschichte über Arnold von Melchtal, der seinem Fronvogt die Ochsen hätte hergeben sollen, sich weigerte und wehrte, was er bitter büssen musste, weil ihm der Vogt zur Strafe die Augen ausstechen liess. Auch im Hinterland existieren ähnliche Sagen, die von solchen Grausamkeiten berichten.

 

So weiss man ähnliches vom Schlossherr von der Kastelen zu erzählen. Er war ausgeritten und kam zwischen Ettiswil und Wauwil an einem Acker vorbei, wo ein Bauer pflügte. Der Vogt betrachtete die beiden Ochsen, die ihm so gut gefielen und befahl, diese auszuspannen. Aber der Bauer weigerte sich. Zur Strafe wurden dem wehrlosen Landmann die Finger abgeschlagen. Im Zorn griff der Bauer zum Sech des Pfluges und erschlug damit den Fronvogt.

 

Aber auch aus Luthern (Waldsburg) kennen wir eine ähnliche Geschichte. Es war zwar nichts von Fingerabschlagen die Rede, sondern vom Mord am Vogt, der sogleich in der Furche auf dem Acker vergraben und zugedeckt wurde.

 

Auch aus Roggliswil wird ein gleicher Vorfall vom Oelfeld unterhalb der Liegenschaft Honig erzählt. Im Totenacker soll sich ähnliches zugetragen haben.

 

Ein gleiches Geschehnis erzählt man sich auch in Wikon. Ein Vogt schickte seinen Knecht zu einem Bauern und forderte dort zwei Ochsen. Der Bauer verweigerte die Herausgabe, worauf der Vogt selbst hoch zu Pferd schien. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung. Kurzerhand hat der Bauer den Vogt erschlagen und in die Ackerfurche gelegt.

 

Ein roher und herrischer Ritter lebte auf dem Schloss Wikon. Einmal hatte er einer schönen Bauerstochter aus Wikon derart Gefallen, dass er sie verführte und missbrauchte. Als sich das ehrsame Mädchen der Schande  bewusst wurde, warf es sich in die hochgehende Wigger, wo es umkam.

Kurze Zeit danach ritt der Burgherr wieder durchs Tal, Reiden zu. Auf dem Wege traf er den Vater des Mädchens und hatte für ihn nur ein paar spöttische Worte übrig. Der Bauer erzürnte, griff zur nahen Hacke, schlug wuchtig auf den Ritter ein und riss ihn gnadenlos vom Pferd.  Kurzerhand schleppte der Bauersmann seinen unmenschlichen Herrn in die Ackerfurche und pflügte ihn unter. In der Nacht hörten die Leute den Ritter gleich einem Gespenst über den Acker sprengen und schreien. An dieser Stelle erstellte man ein Helgenstöckli.